Heiße Schokolade

Rachid O.

Von Angelo Algieri

Wann wird der erste schwule Migrationsroman von einem offen schwul lebenden Autor aus einem arabisch-muslimischen Land erscheinen? Frankreich braucht seit 13 Jahren nicht mehr darauf zu warten. Bereits 1998 veröffentlichte Rachid O. den Roman "Heiße Schokolade", der letztes Jahr auf Deutsch erschienen ist. Rachid O. wurde 1970 in Marokko geboren und siedelte nach dem Studium nach Frankreich um, wo er mit 25 Jahren sein erstes Buch "L'enfant ébloui" - wie jedes seiner fünf Bücher - beim renommierten Verlag Gallimard veröffentlichte. Im Jahre 2000 war der Autor Stipendiat der Académie de France in der Villa Medicis in Rom.

In Deutschland ist "Heiße Schokolade" beim kleinen Verlag Bücken & Sulzer erschienen. Dessen Schwerpunkt liegt auf Wanderkarten und Ratgeber-Literatur. In der überschaubaren Reihe "Belles-Lettres" ist dieses Buch veröffentlicht worden. Mit Bewunderung und Anerkennung auf der einen Seite, dass dieser Verlag ein schwules Buch herausbringt, bin ich auf der anderen Seite (mal wieder) erstaunt darüber, dass schwule Literatur aus dem Ausland nicht von den hiesigen homosexuellen Verlagen, insbesondere Männerschwarm und Querverlag, angenommen wird. Am Preis für die Lizenz kann es bei diesem Buch wohl nicht gelegen haben - wenn ein kleiner Verlag aus dem Bergischen Land es sich leisten kann ...

Ein Coming-out in einer Stadt in Marokko

Nun zum autobiografisch-geprägten Coming-out-Roman. Die Geschichte spielt in den 1980er Jahren in einem ärmlichen Viertel einer Stadt in Marokko. Der 16-jährige namenlose Ich-Erzähler wächst bei seinem Vater und der Respektsperson Lalla auf. Lalla erzählt ihm von klein auf vom gleichaltrigen Noé, einem französischen Jungen, auf den Lalla als Kindermädchen aufpassen musste. Die französische Familie zog weiter, als Noé noch ein Kleinkind war und Lalla erinnert sich an ihn und erzählt schwärmerisch von ihm. Der Ich-Erzähler ist von ihren Erzählungen beeindruckt und malt sich Noé immer wieder aufs Neue aus - ausgehend von einem Foto des französischen Jungen. Diese Liebessehnsucht nach Noé treibt den Erzähler soweit, dass er sich vorstellt mit einer heißen Schokolade, wie er es einem französischen Werbespot gesehen hat, näher an Noé zu sein.

Währenddessen lernt der Protagonist den 20-jährigen Youssr kennen: Sie freunden sich an und vertrauen einander. Sie erzählen sich gegenseitig ihre homosexuellen Erfahrungen: Der Protagonist, wie er mit dem Bruder des besten Freundes geschlafen hat, Youssr hingegen, wie er sich an einen Touristen verkauft hat. Und eines Tages gesteht der Ich-Erzähler die fiktive Sehnsuchtsliebe zu Noé. Da Youssr sich währenddessen in den Protagonisten verliebt hat, ist er sehr eifersüchtig, als eines Tages Noé wirklich auftaucht.

Harmonisch im Ton, explosiv im Inhalt

ISBN 9783936405149 - Erscheinungsjahr 2010

112 Seiten - 9.90 Euro

Aus dem Französischen von Cordula Wehrmeyer

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